Nerven, Schläger und das Leben aus dem Koffer

Foto: Ladies European Tour

Sie kommt direkt von einer Topplatzierung in der Schweiz und einem Auftritt vor großem Publikum im Royal Lytham & St Annes bei den AIG Women’s Open. Für die 26-jährige Ladies-European-Tour-Spielerin Kajsa Arwefjäll war 2026 bislang ein intensives Jahr.

In der neuesten Folge des The Golfstore Podcast sprechen wir darüber, wie man mit Druck umgeht, wenn es wirklich darauf ankommt, was wir Freizeitgolfer und Freizeitgolferinnen von den Profis lernen können und wie ihre Kindheit mit ihrem Vater Niclas Arwefjäll – Golfstore-Pro im Heimatclub – den Weg auf die Tour ebnete.

– Mein Ziel ist der Solheim Cup 2028, sagt sie.

„Das war eine ganz andere Art von Nervosität“

Der Sommer brachte dein British-Open-Debüt im traditionsreichen Royal Lytham & St Annes und eine starke Topplatzierung bei den Swiss Ladies Open. Wie fühlt es sich an, auf der großen Bühne mitten im Geschehen zu stehen?
– Es war fantastisch. Die AIG Women’s Open war nach Evian mein zweites Major meiner Karriere, aber es waren zwei völlig unterschiedliche Erlebnisse. Auf Royal Lytham waren unglaublich viele Zuschauer da und die Atmosphäre war gewaltig. Nach zwei Tagen lag ich in den Top 20, und vor so vielen Zuschauern zu spielen, war nervenaufreibend, aber vor allem unglaublich schön. Spielerinnen wie Lydia Ko und Nelly Korda in der Gruppe hinter mir zu haben, fühlte sich großartig an. Es war eine freudige, positive Nervosität.

Einige Wochen später bist du in der Schweiz in der Leader-Gruppe gestartet und lagst vor der Schlussrunde mit drei Schlägen in Führung – wie haben dich die Nerven dort beeinflusst?
– Es waren unterschiedliche Arten von Nervosität. Bei den British Open war es eher dieses spannende Kribbeln. Aber vor der letzten Runde in der Schweiz war ich so nervös, dass ich vor dem Start nicht einmal etwas essen konnte. Mir war übel, ich verlor das Gefühl in den Händen und hatte das Gefühl, mich fast übergeben zu müssen. Das war ein ganz anderer Druck, den ich mir wahrscheinlich selbst gemacht habe, weil ich unbedingt gewinnen wollte. Auf der LET zu gewinnen, war etwas, wovon ich schon sehr lange geträumt hatte. Hoffentlich kann ich diese Erfahrungen mitnehmen und es beim nächsten Mal schaffen.

Was hast du in dieser Situation über dich selbst gelernt?
– Wenn ich nervös werde, mache ich alles schneller. Ich habe schneller geschwungen und bin schneller gegangen, wodurch mein Schwungtempo nicht mehr gepasst hat. Beim nächsten Mal weiß ich, dass ich alles verlangsamen muss – langsamer gehen und mehr Ruhe in den Schwung bringen. Und weil ich nichts essen konnte, habe ich gelernt, dass ich etwas Flüssiges dabeihaben muss, zum Beispiel einen Proteinshake, damit ich trotzdem Energie bekomme. Die Nervosität kann man nicht einfach wegzaubern.

Man muss akzeptieren, dass sie da ist – schließlich ist man nervös, weil einem etwas wichtig ist.

So optimieren die Profis ihre Ausrüstung

Sowohl die Plätze als auch die Bedingungen unterscheiden sich enorm zwischen englischen Linksplätzen und Bergplätzen in der Schweiz. Passt du deine Ausrüstung an den jeweiligen Platz an?
– Ja, absolut. Der größte Unterschied ist oft der Bounce bei den Wedges. Für die Schweiz hätte ich tatsächlich ein Wedge mit mehr Bounce dabeihaben sollen, weil das Rough rund um die Grüns sehr dicht und klebrig war. Zu den British Open habe ich mein 5er-Eisen mitgenommen, um den Ball bei Gegenwind flach halten zu können. Davor hatte ich mein 5er-Eisen schon seit einigen Jahren nicht mehr benutzt.

Normalerweise hast du statt des 5er-Eisens ein 6er-Hybrid im Bag. Wie kam es dazu?
– Das letzte Mal, dass ich mit einem 5er-Eisen gespielt habe, war während meiner College-Zeit 2024. Seitdem spiele ich mein 6er-Hybrid – und ich liebe es! Es ist so viel einfacher zu schlagen, erzeugt einen höheren Ballflug, sodass der Ball auf harten Grüns schneller zum Liegen kommt, und aus dem Rough lässt es sich deutlich leichter spielen. Auf der Tour ist ein klarer Trend zu erkennen, dass immer mehr Spieler und Spielerinnen auf leichter zu spielende Hybrids und Hölzer setzen. Gerade wir Frauen brauchen mehr Loft und einen steileren Eintreffwinkel, wenn der Untergrund hart wird.

Das Leben als Tour-Pro: Unterwegs aus dem Koffer

Viele stellen sich das Tourleben sehr glamourös vor. Aber wie sieht der Alltag auf der Ladies European Tour tatsächlich aus?
– Es ist unglaublich viel Planung. Du musst alle Flüge, Hotels und Mietwagen selbst buchen. Und vor allem musst du damit klarkommen, aus dem Koffer zu leben. Seit Februar war ich insgesamt wahrscheinlich nur fünf Wochen zu Hause.

Dass Saudi-Arabien in die Ladies European Tour investiert hat, ist eines der großen Gesprächsthemen des Jahres. Wie seht ihr das?
– Im Damengolf verdienen wir immer noch viel weniger als die Männer. Deshalb sind diese Turniere entscheidend dafür, dass wir tatsächlich davon leben und weitermachen können mit dem, was wir tun. Bei den Aramco-Turnieren beträgt das Preisgeld 2 Millionen Euro, während es bei einem normalen Turnier 350.000 Euro sind. Aus dieser Perspektive ist es sehr gut, dass es diese Turniere gibt. Wenn wir allerdings darüber sprechen, woher das Geld kommt, ist das eine ganz andere Geschichte, mit der wir eigentlich nichts zu tun und auf die wir keinen Einfluss haben.

Noch einmal zurück zum Tourleben: Lohnt es sich überhaupt, ein eigenes Zuhause zu haben, wenn du so viel unterwegs bist?
– Ehrlich gesagt, nein! Aber ich habe das Glück, bei meinen Eltern ein Zimmer zu haben, wo ich ankommen, meine Sachen aufbewahren und zwischen den Turnieren einen ruhigen Alltag zu Hause haben kann. Das bedeutet mir sehr viel.

Aufgewachsen auf dem Golfplatz – und ihr Rat an junge Spieler

Apropos „zu Hause“: Dein Vater Niclas Arwefjäll ist PGA Professional und Golfstore-Pro. Wie bist du als Kind zum Golf gekommen?
– Weil mein Vater im Golfclub gearbeitet hat, war ich nach der Schule immer dort. Aber am Anfang ging es nicht immer ums Golfspielen – meine Freunde und ich haben Blumen gesucht, Türme aus Golfbällen gebaut und Kuchen gebacken, den wir nach dem Spielen gegessen haben. Mein Vater hat mich nie zum Golfspielen gezwungen, sondern mir die Möglichkeit gegeben, die Freude daran selbst zu entdecken. Mit meinen Freunden Spaß zu haben, war das, was mich dazu gebracht hat, diesen Sport zu lieben.

Wie funktioniert eure Beziehung heute, wenn dein Vater gleichzeitig dein Trainer und manchmal dein Caddie ist?
– Er hat mir alles beigebracht, was ich über Golf weiß. Er kann sehr gut unterscheiden, wann er mein Vater sein muss und wann er mein Trainer ist. Auf dem Platz ist es schön, ihn als eine Art „zweites Gehirn“ dabeizuhaben, das meine Entscheidungen bei Schlägerwahl und Distanzen bestätigt, sodass ich mich zu hundert Prozent auf den Schlag konzentrieren und ihm vertrauen kann.

Was ist dein bester Rat für Junioren und ihre Eltern, die es ganz nach oben schaffen wollen?
– Wenn du klein bist, solltest du einfach viele Turniere spielen, lustige Übungen machen und mit deinen Freunden Spaß haben. Du wirst nie wirklich gut in etwas, wenn es dir nicht von Anfang an Spaß gemacht hat. Bewahre dir die Freude daran – dann möchtest du mehr trainieren, und wenn du mehr trainierst, wirst du auch besser!

Der Traum vom Solheim Cup

Als wir miteinander sprechen, sind es nur noch wenige Wochen bis zum größten Ereignis im Damengolf: dem Solheim Cup. Für Kajsa ist genau diese Bühne das große Ziel.

Wir haben viel über Training gesprochen. Was musst du verbessern, um einen Platz im Solheim-Cup-Team zu bekommen?
– Ich muss mein Putten verbessern. Wenn man zum Beispiel das Turnier in der Schweiz betrachtet, wurde ich dort Fünfte, lag beim Strokes Gained Putting aber nur auf Rang 55. Außerdem möchte ich etwas weiter und vor allem höher schlagen, damit ich die Grüns noch aggressiver anspielen kann.

Legst du die Grundlage für mehr Länge auf der Range oder im Fitnessstudio?
– Bei mir ist es das Fitnessstudio!

5 Dinge, die du von Tour-Pro Kajsa Arwefjäll lernen kannst

  1. Trau dich, schwierige Eisen zu ersetzen: Kajsa hat seit 2024 kein 5er-Eisen mehr im Bag, sondern spielt stattdessen ein 6er-Hybrid. Es sorgt für einen höheren Ballflug, verzeiht nicht ganz so perfekte Treffer besser und macht es deutlich leichter, den Ball auf harten Grüns oder aus dichtem Rough zum Stoppen zu bringen. Schau dir also dein Bag je nach den Plätzen an, die du spielst, noch einmal genau an – vielleicht holst du das 5er-Eisen wieder heraus, wenn es auf die Britischen Inseln geht?
  2. Werde langsamer, wenn die Nervosität steigt: Wenn der Druck während der Runde zunimmt, neigen die meisten dazu, ihre Bewegungen zu beschleunigen. Kajsa bemerkte, dass sie sowohl schneller ging als auch schneller schwang, als sie in Führung lag. Die Erkenntnis? Wenn du nervös wirst, verlangsame ganz bewusst dein Gehtempo, deine Routinen und deinen Schwung.
  3. Sprich deine Gedanken laut aus: Wenn Kajsa einen Schlag plant, gehen sie und ihr Caddie alle Faktoren gemeinsam laut durch: die exakte Entfernung zur Fahne, wie weit der Ball fliegen muss, den Einfluss des Windes und die Topografie des Platzes. Indem sie die Berechnung verbalisiert und sich vom Caddie bestätigen lässt, fällt es ihr leichter, den Schlag mit Klarheit und Selbstvertrauen auszuführen.
  4. Sorge für Energie, wenn der Magen streikt: Bei starker Nervosität kann der Appetit komplett verschwinden. Wer mit leerem Magen auf die Runde geht, riskiert schnell einen Energieabfall und fragwürdige Entscheidungen. Ein einfacher Profi-Tipp ist, flüssige Nahrung dabeizuhaben – zum Beispiel einen Proteinshake oder Smoothie –, wenn feste Nahrung nicht heruntergeht.
  5. Akzeptiere die Nervosität! Sie bedeutet, dass dir etwas wichtig ist. Deine Gefühle zu akzeptieren, ist der beste Weg, um zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Hör dir hier die neueste Folge des The Golfstore Podcast mit Kajsa Arwefjäll an: