Schlägermacher der Stars

Adrian Rietveld kennt viele der Superstars des Golfsports besser als die meisten. Er baut nämlich ihre Schläger.

Wenige werden unter Tourprofis für ihr Fachwissen so respektiert wie Adrian Rietveld. Von den Spielern, die derzeit zu den 50 Besten der Welt zählen, hat er sicherlich mit 35 „in irgendeiner Form“ gearbeitet, wie er es selbst ausdrückt. Für einige gilt er als weltweit Bester im Custom Fitting. Ursprünglich kommt er aus Südafrika, jetzt hat er seine Basis aber in England. Den Großteil seiner Zeit verbringt er jedoch auf den Golfplätzen auf der ganzen Welt. Er ist 45 Wochen pro Jahr auf Reisen.

„Ich liebe es“, sagt er.


Zu unserem Treffen in Basingstoke, eine Stunde südlich von Londons Zentrum, kommt er etwas zu spät. Sein Sohn ist krank, und Adrian übernimmt gern seinen bescheidenen Teil der elterlichen Pflichten, wenn er die Möglichkeit hat. Der Sohn heißt im Übrigen Justin, nach einem von Adrians besten Freunden, dessen Nachname Rose lautet.

„Er war der erste Spieler, der mich richtig nah an sich heranließ“, berichtet Adrian. „Wir hatten über die Jahre eine gute Zusammenarbeit. Er ist äußerst sorgfältig bei den Details. Er ist genau in allem, was er tut. Er ist bestimmt, doch als Person muss man ihn ganz einfach mögen. Aber du musst wissen… in der Hitze des Kampfes sind diese Typen rücksichtslos. Sie geben nicht nach. Sie wollen siegen. Vielleicht nicht um jeden Preis, aber… sie geben alles.“

Adrians Arbeitsplatz auf der Tour ist ein speziell umgebauter Bus. Er enthält eine Werkstatt und ein kleines Lager. Der Innenraum ist effektiv genutzt und enthält alles, was erforderlich sein kann, um einen Golfschläger zu bauen oder einzustellen. Außerdem gibt es hier Caps, Bälle, Handschuhe und sonstige Dinge, die die Spieler bei einem Turnier benötigen. 

Der Bus ist ein Service für alle Spieler, die einen TaylorMade-Schläger im Bag haben wollen. Das gilt sowohl für Spieler, die das Bag voll von TaylorMade-Schläger haben, als auch für jene, die nur einzelne Schläger haben. Oder die neugierig sind, einen zu testen. Die Arbeitswoche beginnt fast immer an einem Flughafen, montags in der Früh. Sehr früh. Adrian nimmt den ersten Flug zu dem Ort, wo das Turnier der Woche ansteht. 

Dort wartet der Bus auf ihn. Jedenfalls wenn die Distanz überwindbar ist, und wenn es für den Bus eine Brücke oder eine Fähre zu dem aktuellen Platz gibt. Dann ist der Bus vor Ort. So ist es bei etwa 25 Turnieren pro Jahr. Wenn die Turniere bei- spielsweise in Südafrika oder in der Region Dubai gespielt werden, wird der Service für die Spieler auf andere Art gelöst. 


Der Dienstag ist der hektischste Tag der Woche. An diesem Tag kommen die meisten mit ihren Wünschen. Einige wollen Schläger austauschen, andere ein Detail einstellen lassen. Am Mittwoch testen viele das Neue, die besten Spieler tun dies häufig in einem Pro-Am. Adrian verlässt den Platz am späten Nachmittag und ist gegen Mitternacht zu Hause. Donnerstagmorgen fährt er ins Büro in Basingstoke und bereitet das Turnier der kommenden Woche vor. Und so macht er weiter, 45 Wochen pro Jahr. Außer wenn mehrere Turniere hintereinander auf abgelegeneren Plätzen wie Abu Dhabi, Dubai und Katar gespielt werden. Dann bleibt er für drei Wochen. 

„Alle Jobs haben ihre Herausforderungen. Das Reisen ist ein großer Teil des Jobs. Wenn du das Reisen magst, dann ist das hier der beste Job der Welt“, sagt er.

Er arbeitet seit 12 Jahren mit Custom Fitting auf hohem Niveau. Oder, wie er es ausdrückt:

„Ich schaue mir seit 12 Jahren Flugbahnen von Bällen an.“

Sein Titel lautet Senior Manager im Tour Department. Was bedeutet, dass er nicht nur dafür verantwortlich ist und dafür zu sorgen hat, dass die Spieler, die TaylorMade unter Vertrag hat, die besten Voraussetzungen erhalten. Er ist auch ein Talent-scout, um neue interessante Spieler an die Marke zu binden.

Nach dem Interview spricht er begeistert von den dänischen Brüdern Nicolai und Rasmus Højgaard. Zum Zeitpunkt des Interviews sind sie noch Amateure, doch sobald sie Profis wurden, was zum Jahreswechsel geschah, unterzeichneten sie einen Vertrag mit TaylorMade. Laut Adrian haben sie ein selten gesehenes Talent. Adrian kann lange über die Tourspieler sprechen, mit denen er häufig arbeitet, doch am meisten spricht er über Rory McIlroy.

„Er ist der Arnold Palmer unserer Zeit. Sehr flamboyant.“ 

Adrian, der ihn aus nächster Nähe gesehen hat, glaubt, dass Rory den Golfsport in den kommenden zehn Jahren dominieren wird.

„Ich glaube, dass wir nie mehr jemand so dominanten sehen werden wie Tiger in seiner besten Zeit. Doch davon abgesehen, kannst du mich für Folgendes zitieren: Rory wird der weltweit beste Golfer in den kommenden zehn Jahren sein. Er ist der talentierteste Spieler, mit dem ich je arbeiten durfte, und ich habe mit vielen der besten gearbeitet. Alle haben ihre eigene einzigartige Fähigkeit und Größe, doch Rory McIlroy entwickelt sich laufend weiter. Er ist kein fertiges Produkt.“ 

Die Tests mit Rory unterscheiden sich in entscheidenden Punkten von denen mit anderen Spielern.

„Bei Rory funktioniert fast alles. Bei vielen anderen Spielern ist der Prozess geradlinig und berechnet. Wenn wir an Rorys Ausrüstung arbeiten, hat er gewiss ein Verständnis dafür, wie die 
Ausrüstung ihm helfen kann. Doch gleichzeitig ist er so gut, dass 
du ihm irgendetwas in die Hand drücken kannst, und es funktioniert, er ist so geschickt. Fast alles passt für ihn.“

Adrian hat selbst Golf auf hohem Niveau gespielt, ehe ihm ein Job als Pro auf Wentworth in England angeboten wurde. Einem der prestigeträchtigeren Clubs in England, Hausplatz beispielsweise von Ernie Els. Auf Wentworth wurde Adrian zum Verantwortlichen für das TaylorMade Performance Lab ernannt – eine Anlage, die bei ihrer Errichtung vor 15 Jahren eine von wenigen ihrer Art war. Über eine große Anzahl von Kameras konnte die Schwungbewegung dreidimensional gefilmt werden, und zwar mithilfe von Elektroden, die am Körper des Testobjekts befestigt wurden.

Eine für die damalige Zeit hochmoderne Technik. Viele gute Spieler kamen, um ihre Technik zu verfeinern, doch vor allem, um Schläger auszuprobieren. Bald hatten die Trainer der Tourspieler so großes Vertrauen in Adrians Kenntnisse von Schwung und Ausrüstung, dass sie ihre Spieler zu Adrian schickten, ohne selbst dabei zu sein. Zu der Zeit begründete Adrian seinen Ruf als ausgezeichneter „Fitter“.

„Schließlich holte mich ein Headhunter zu TaylorMade, um auf der Tour mit den Spielern zu arbeiten.“ 

Das war im Jahr 2011. Ein Teil seines Erfolgs basiert seiner Meinung nach darauf, dass er gelernter Ingenieur ist.

„Daher ist es für mich ganz einfach, die Technologie hinter den Golfschlägern zu verstehen. Sie funktioniert in beide Richtungen. So wie die Technologie viel für dich tun kann, kann sie auch gegen dich arbeiten, wenn deine Ausrüstung nicht auf dich abgestimmt ist.“ 

Das gilt auch für Amateure. Er hat natürlich jegliche denkbare moderne Ausstattung zur Verfügung. Doch er hängt nicht von ihr ab.

„Ich komme ganz gut ohne Trackman zurecht, indem ich mir einfach die Ballflugbahn ansehe. Häufig geht es darum, dass der Spieler eine Bestätigung in Form von Zahlen haben möchte. Doch ich nehme keinen Trackman zu einem Spieler mit, wenn er nicht ausdrücklich darum bittet“, sagt er. 

„All die moderne Technik ist ziemlich gut, doch sie ist nicht besser als die Person hinter den Schalthebeln. Man muss wissen, wie man die Fakten, die man erhält, verwendet und kontrolliert. Wenn ich Schläger ausprobiere, kommt der Trackman erst gegen Ende des Prozesses ins Spiel, wenn es an die Feinjustierung der Zahlen geht.“


Das Golfen hat in den letzten 10–15 Jahren eine Revolution durchlaufen, so Adrian. Und damit meint er  nicht nur all die technischen Fortschritte, die in der Entwicklung von neuen Schlägermodellen gemacht wurden. Adrian ist der Ansicht, dass das Custom Fitting als einzelne Komponente einen erheblich größeren Einfluss auf das Spiel der Amateure hat als irgendeine der technischen Innovationen. Er betont, dass die wirkliche Revolution darin zu sehen ist, dass alle jetzt diese Möglichkeit in Reichweite haben.

„Jetzt gibt es Fitting-Fachleute in mehr oder weniger jedem Golfclub. Was wir in all den Jahren für die Tourspieler getan haben, lässt sich heute für den normalen Golfer tun. Früher war es ein Luxus. Jetzt ist es Standard.“


Wenn man gute Voraussetzungen haben möchte, muss man zu seinem Pro gehen – und man muss ehrlich sein. Es ist wichtig, dass die Person, die das Fitting durchführt, dich als Spieler und deine Voraussetzungen versteht. 

„Wenn du in neue Golfschläger investieren möchtest und nur einmal pro Monat spielen kannst, weil du kleine Kinder zu Hause hast, dann muss dein Fitter diese Information haben. 
Es gibt immer einen Weg, die richtigen Schläger für dich zu finden. Doch als Fitter muss man deine Situation, dein Spielniveau und deine Umstände kennen. Sei also dem Fitter gegenüber offen“, sagt er. 

Und er ist der Ansicht, dass man zu einem Fitter gehen muss, der den Schwung versteht.

„Es ist heutzutage wichtig, dass ein Fitter den Schwung versteht. Viele von denjenigen, die das Maßschneidern von Schlägern am besten können, begannen als Golftrainer. Vom Golftrainer zum Fitter ist ein guter Weg. Wenn du keine Basis im Coaching hast, wird es schwer“, so Adrian abschließend.