Ich möchte mehr Majors gewinnen

"Ich kann den Ball dorthin schlagen, über die Straße und das Haus und die Leute, die dort trainieren“, sagt Dustin zum Fotografen von der englischen Zeitschrift. Der Fotograf nickt zustimmend und sagt, das wäre gut, dort würde das Licht gut einfallen.

Superintendent Diego sieht nervös aus. Er hustet angestrengt und fragt sich, ob es funktionieren würde, wenn man stattdessen dorthin schlüge, nicht über das Haus, sondern über die Straße und auf die Range. Sowohl der Fotograf als auch Dustin glauben, dass es funktionieren kann.

Ich selbst sehe nur eine Menge Bäume. Wohin soll er den Ball ihrer Meinung nach schlagen? Es macht „klack“, und der Ball schießt davon. Über die Bäume in einem schwachen Fade und… ja, es gibt dort hinten wohl irgendwo eine Range zum Landen. So ist es häufig bei Dustin Johnson. Er schlägt einen Golfball an Orte, die andere sich nicht vorstellen können.

Wir befinden uns auf dem Bear´s Club in Jupiter, nördlich von West Palm Beach im Süden Floridas. Tiefer kann man nicht drinstecken. Wie der Name andeutet steht Jack Nicklaus, der den Spitznamen The Golden Bear hat, hinter dem Platz. 1999 wurde er eröffnet, und die Zielsetzung war, und ist, deutlich: den Mitgliedern ein außergewöhnliches Golferlebnis zu bieten. Wenn man die Einfahrt zum Außergewöhnlichen verpasst, fährt man stattdessen direkt in den Trump National Jupiter Golf Club. Auch das kein Allerweltsplatz. Dies hier ist eine ganz andere Welt.

Dustin wuchs in Columbia in South Carolina auf. Er war ein typischer sportbegeisterter Junge, der viele Sportarten ausübte: Football, Baseball und Basketball, um nur einige zu nennen.

„Golf spielte ich nur im Sommer. Mein Vater war Golfpro, und ich begleitete ihn gern zur Arbeit. Dort konnte man am Pool herumhängen oder Golf spielen. Mein Vater lehrte mich die Grundprinzipien, doch indem ich auf der Range war und beobachtete, wie gute Spieler schlugen, brachte ich mir das Spielen bei. Ich spielte auch viel auf dem Platz.“


Dustin war erst fünf Jahre alt, als er mit dem Golfen begann. Er war schon früh gut.

„Ich erinnere mich, dass ich für meine Altersgruppe immer recht gut war“, sagt Dustin taktvoll. Als 14-Jähriger schlug er 64-64-64 auf einer 72er Bahn. Vom Backtee. „Es war in meinem zweiten College-Jahr, als ich wirklich daran zu glauben begann, auf der PGA-Tour spielen zu können. Ich gewann das East Regional in Tennessee (großes Amateurturnier, die Red.) mit vielen guten Spielern im Startfeld. Die letzten beiden Jahre auf dem College war ich einer der besten Amateure in den USA“, erinnert sich Dustin.

Dustin Johnson ist jetzt 34 Jahre alt. Nicht ohne Grund gilt er für viele seit etlichen Jahren als größtes Golftalent seit Tiger Woods. Er ist 1,94 Meter groß und hat gigantisch lange Arme. Sein Schwung sieht etwas ungleich aus – das linke Handgelenk am Ende des Rückschwungs gehört nicht zum orthodoxen Golfglauben –, doch wow, wie wahnsinnig weit er einen Golfball schlagen kann. Nur wenige Golfer haben die Fähigkeit, am Ende des Rückschwungs so verdreht auszusehen, und vermutlich zu sein, wie Dustin.

Doch Dustin Johnsons Golf ist so viel mehr als weite Schläge. Dustin hat in den vergangenen elf Jahren in jeder Saison mindestens ein Turnier auf der PGA-Tour gewonnen. Oder anders herum: er hat in jeder Saison, in der er auf der PGA-Tour gespielt hat, mindestens einen Sieg erzielt. Kein anderer Spieler kommt auch nur in die Nähe davon.

Natürlich hatte Tiger Woods zu Beginn seiner Karriere 14 Saisons in Folge mit mindestens einem Sieg. Jack Nicklas und Arnold Palmer erreichten beide jeweils 17 Saisons in Folge. Und in den Geschichtsbüchern gibt es noch mehr vor ihm. Doch derzeit sind Dustins 11 Saisons in Folge mit einem Sieg auf der PGA-Tour die überlegen längste Siegesserie.

Außerdem, und das ist richtig interessant, hat er in den letzten drei Jahren die Taktzahl erhöht.

  • 2016: Drei Siege, einschließlich eines Majors: US Open 2016.
  • 2017: Vier Siege, zwei davon waren WGC-Titel
  • 2018: Drei Siege.

Als die letzte Saison beendet wurde, konnte er insgesamt 19 Siege auf der PGA-Tour vorweisen und war insgesamt 81 Wochen die Nummer Eins gewesen. 64 Wochen davon in Folge von Anfang 2017 bis Mitte Mai 2018, die fünftlängste Serie, seit man Mitte der 1980er Jahre mit dem Führen einer Weltrangliste begonnen hatte.

Es gab drei Dinge bei Dustins Golf, die sich vor der Saison 2016 änderten.

Zum einen veränderte Dustin seinen natürlichen Schlag. Sein ganzes Leben lang hatte er mit einem Draw gespielt, doch plötzlich begann er mit Fade zu spielen. Dustin arbeitet seit 2010 mit dem Trainerguru Butch Harmon. (Dustin lässt sich auch von Butchs Sohn Claude und von seinem alten Collegetrainer Allen Terrell helfen). Fast fünf Jahre lange arbeitete Butch daran, dass Dustin beginnen sollte, fade statt draw auf dem Platz zu schlagen.

„Der bedeutendste Grund, warum ich fade zu schlagen begann, war, dass ich große Probleme hatte, mit dem Driver das Fairway zu treffen. Es konnten 50 Meter rechts und 50 Meter links sein. Als ich fade zu schlagen begann, halbierten sich meine Fehlschläge mit dem Driver.“

„Ich habe schon immer einen Fade schlagen können, wenn ich ein Problem hatte. Doch mitten vom Fairway ohne Grund einen Fade zu schlagen, es dauerte lange Zeit, ehe ich das Selbstvertrauen hierzu hatte.“

Der Durchbruch kam im Dezember 2015 am Sherwood Country Club vor den Toren von Los Angeles.

„Ich entschied mich dafür, rauszugehen und eine ganze Trainingsrunde mit Cut zu spielen. Es spielte keine Rolle, wo sich der Ball befand, ich musste einfach einen Cut schlagen. Das tat ich dann auch. Den ganzen Tag. Und es lief gut. Ich schaffte 61…“


„Am nächsten Tag spielte ich eine neue Trainingsrunde. Auch die nur mit Fade. Ich erreichte erneut einen guten Score. Da entschied ich mich: ab jetzt schlage ich den Ball fade, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.“

Eine andere Sache, die Dustin im Winter 2015 veränderte, war das Wedgespiel.

„Früher hatte ich keine Routine für mein Training, ich schlug einfach Wedges. Jetzt habe ich ein System, bei dem ich mit einem Trackman trainiere und drei verschiedene Schläge mit jedem Wedge schlage. Ein halber Schlag, ein Dreiviertelschlag und ein normaler Schlag. Ja, eigentlich habe ich vier Schläge, denn ich habe auch einen Maximalschlag. Ich weiß genau, wie weit ich mit jedem Wedge schlage. Ich spiele mit drei Wedges, einem Pitching Wedge, einem mit 54 Grad und einem mit 60 Grad. Manchmal, je nach Platz, stecke ich einen vierten Wedge mit 64 Grad auf Kosten eines 2er Eisens ein“, sagt Dustin.

„Ich trainiere das Wedgespiel sehr stark. Ich glaube in der Tat, dass dies der wichtigste Grund dafür ist, dass ich von einem guten Golfer zu einem richtig guten Golfer geworden bin.“

Es mag noch einen Grund geben. 2015 wurde Dustin Johnson Vater. Zwei Jahre zuvor hatte er Paulina Gretzky, Tochter der Eishockey-Ikone Wayne Gretzky, kennengelernt und sich mit ihr verlobt. Heute haben sie zwei gemeinsame Kinder: Tatum, 3 Jahre, und River, 1 Jahr.

„Natürlich hat es mich beeinflusst, Vater zu sein. Das setzt alles in eine neue Perspektive. Früher war Golf für mich das Wichtigste. Als ich Vater wurde, war es sehr schnell nicht mehr das Wichtigste für mich. Es war eine große Veränderung. Aber eine gute Veränderung.“

„Ich war schon immer recht gut darin, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und das Golfen nicht so ernst zu nehmen, aber es hilft definitiv, Eltern zu werden. Kinder können einen schlechten Tag zu einem guten Tag machen, sobald man sie nach der Runde trifft.“

Im Sommer 2016 führten die Veränderungen zu Ergebnissen. Dustin Johnson gewann sein erstes Major – die US Open 2016 auf dem Oakmont Golf Club vor den Toren von Pittsburg. Bisher das einzige. 

„Das war ein schöner Sieg. Er bedeutete viel“, sagt Dustin.

Dustin spielte einige Tage fehlerfrei Golf. So ist es jedoch nicht immer. Ganz im Gegenteil, auch die besten haben mit Schwungproblemen zu kämpfen. Wenn auch auf einem anderen Niveau.

„Wenn ich gut spiele, ist mein Fehlschlag, wenn ich immer etwas nach rechts verziehe. Wenn ich schlecht spiele, geht mein Fehlschlag nach links, und das mag ich überhaupt nicht. Dann schneidet der Ball nicht, sondern es wird ein reiner Pull. Ein kleines bisschen zu kurz nach rechts oder dass ich ihn zu stark anschneide ist besser, denn dann weiß ich relativ leicht, wie ich das justieren muss.“

„Meist komme ich selbst darauf, was das Problem ist, aber ich habe auch gute Trainer, die mir helfen. Ich mag Trainer, die mir Alternativen bieten, wie ich das Problem mit dem Schwung lösen kann. Für ein Problem gibt es immer mehrere Lösungen. Am besten ist es, wenn man mehrere Alternativen hat und selbst wählen kann, welche Lösung einem am besten liegt.“

„Wenn ich gut schwinge, eliminiere ich im Prinzip den linken Teil der Bahn mit dem Driver. Ich weiß, dass mein Cut kommt…“

Plötzlich sprechen wir über Schläger. Dustin Johnson ist eines von TaylorMades großen Profilen. Wie viele Millionen Dollar er jedes Jahr erhält, um mit TaylorMade zu spielen, ist nicht bekannt, aber es geht um viel Geld. Das ist auch der Grund, warum wir uns an diesem Tag für ein paar Stunden treffen. 
TaylorMade will seinen neuen Driver einführen: den M5. 

„Ich hatte sowohl mit dem M3 als auch dem M4 Probleme. Das mag vielleicht komisch klingen, denn meine Statistik in der letzten Saison war eigentlich recht gut. Aber es fühlte sich nie richtig gut an. Ich fühlte mich nie ganz wohl und hatte nie das volle Vertrauen in den Driver.“

„Vor allem hatte ich Probleme damit, die Bälle anzuschneiden, also dass ich mit dem Driver diesen kleinen Fade erhielt, den ich haben wollte. Wahrscheinlich lag es nur an mir und an meinem Schwung“, sagt Dustin und lacht. „Doch ich mache es wie alle anderen, ich schiebe die Schuld auf die Schläger…“

„Ich konnte den M5 im November erstmals testen. Ich mochte sein Aussehen. Die Schlagfläche ist gerader, und er ist schneller. Der Ball verlässt den Schlägerkopf konstant vier Meilen pro Stunde (mph) schneller als mit dem M3.“

Übersetzt man die Trackman-Sprache in normales Golf-Deutsch, so bedeutet das, dass der Ball mit dem M5-Driver ungefähr gut 10 Meter weiter geht. Dabei muss man wissen, dass Dustin auf der Tour bereits zu denen gehört, die den Ball am weitesten schlagen. Er erreicht mit dem Driver eine Schwunggeschwindigkeit von ungefähr 123 mph. Das sind 10 mph mehr als der Durchschnitt auf der Tour.

„Vor allem kann ich den Schlag formen wie ich möchte. Jetzt erhalte ich den Fade, den ich mir wünsche“, sagt Dustin und lacht vergnügt.

Eine Sache, die mir auffällt, als ich so dasitze und mit Dustin spreche, ist, wie ausgesprochen nett er ist. Plötzlich klingelt sein Mobiltelefon, er spricht ganz kurz und endet mit einem herzlichen „I love you“. Man hat das Gefühl, dass es ihm heute gut geht und er ausgeglichen ist. In Fernsehsendungen und auf Pressekonferenzen hat man manchmal den Eindruck, dass er nicht so viel zu sagen hat oder ihm die Sache egal ist. In unserem Gespräch denkt er häufig nach und strengt sich an, eine gute Antwort zu geben. Vielleicht hat er diese Seite vom Schwiegervater gelernt und entwickelt. Dem Großvater seiner Kinder. Dem größten Eishockeystar: Wayne Gretzky.

„Jedes Mal, wenn man auf die Größten einer Sportart trifft, lernt man etwas. Ich habe natürlich viel Zeit mit ihm verbracht. Ich höre auf alles, was er sagt. Klar gibt es Dinge, die privat sind. Doch vor allem habe ich daraus gelernt, wie er auftritt, mit anderen interagiert und was er sagt. Zu sehen, wie bescheiden er ist.“

„Ich höre auch gut zu, wenn er erzählt, wie er trainiert und was er getan hat. Warum er so viel besser als alle anderen war. Die einfache Antwort lautet: er wollte wirklich gewinnen und er arbeitete härter als alle anderen. Diese Einsicht hat mich dazu gebracht, klüger zu arbeiten.“

„Ich werde auch davon getrieben, zu gewinnen. Ich möchte mehr Majors gewinnen. Ich möchte mehr Turniere gewinnen. Mein erstes Ziel ist es, meinen 20. Sieg zu erreichen, sodass ich eine lebenslange Mitgliedschaft auf der Tour erhalte. Ich möchte auch mehr Chancen haben, in diesem Jahr Majors zu gewinnen.“